Kohlespechte

Walbrzych, Polen

Vor der Wende in Europa war das Bergbaugebiet um die niederschlesische Industriestadt Waldenburg (Walbrzych) eines der bedeutendsten in Polen. Bis zu 15.000 Kohlekumpel fuhren in den besten Jahren unter Tage ein. Jetzt aber liegen die Zechen still. Arbeitslosigkeit regiert den Landstrich. Der Not folgend fördern die Bergleute die Kohle nun illegal. Wie im 17. Jahrhundert buddeln die Kohlekumpel nur mit Spitzhacke, Schaufel und ihren blanken Händen Stollen in die Erde, die sie nur notdürftig mit Birken- und Tannenstämmen absichern.

„Kohlespechte“ nennt man sie in der Region. Für umgerechnet 10-12 Euro am Tag riskieren sie so ihr Leben. Immer wieder kommt es, in den engen bis zu 10 Meter tiefen und 25 Meter langen Schächten, zu tödlichen Unfällen.

Das Fällen der Bäume bringt zusätzlich Ärger, ständig müssen die Bergleute auf der Hut sein vor Polizei und Forstamt, die das illegale Fällen der Bäume stark bestrafen. Ungefährlich ist nur der Tagebau. Ein Stück schlesischer Himmel über dem Kopf gibt Sicherheit, aber der Abbau im Stollen ist lukrativer und die Qualität der Kohle oft besser. So treibt die schiere Not die in Gruppen von drei bis vier Mann arbeitenden Kumpel immer wieder unter Tage, denn die Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe des Staates reicht nicht aus, um Ihre Familien zu ernähren. Lediglich die Wirkung des schwarz gebrannten Wodkas lässt sie die permanente Angst ignorieren, denn ständig rieselt Erde von der Decke des Stollens auf die Arbeiter nieder. Mitunter rettet sie nur ein Sprung zur Seite vor den herabstürzenden Erdmassen.

Schnell haben sich den Kumpeln auch Arbeitslose anderer Berufsgruppen angeschlossen, darunter sogar Akademiker. Trotz der Bemühungen seitens der Regierung, ausländische Investoren und damit Arbeitsplätze nach Waldenburg zu holen, liegt die Arbeitslosenquote bei ca. 38 Prozent. Gekommen sind vor allem Kaufland, Obi, Real und jüngst die englische Supermarktkette Tesco. Sie bieten zwar genügend Gelegenheiten, dass bei Kerzenschein in den Gruben verdiente Geld in den mit Neonröhren hell erleuchteten Konsumtempeln auszugeben, aber nur wenige Arbeitsplätze.

Als neues EU Mitglied erreicht der Druck aus Brüssel nicht nur die polnische Regierung, sondern auch die Kohlekumpel aus Waldenburg. Mit Bulldozern werden die Gruben zugeschüttet und die Polizei hat es geschafft, den Abtransport der Kohle per PKW und Laster zu stoppen. Seitdem schleppen die Kumpel ihre 50 Kilogramm schweren Kohlesäcke zu Fuß aus dem Wald heraus oder benutzen Handkarren für ihre Fracht.

Im Sommer, wenn der Bedarf an Kohle gering ist, arbeiten einige Kumpel als Erntehelfer und auf Privatbaustellen in Deutschland und Österreich. Sie hoffen genug Geld zu verdienen, um nicht wieder unter Tage zu müssen. Jene, die keine andere Arbeit gefunden haben, kämpfen weiter gegen Polizei, Forstamt und Armut. Doch der nächste Winter kommt garantiert und die 140.000 Einwohner-Stadt Waldenburg, mit ihren zigtausenden Kohleöfen, ist auf den wertvollen Rohstoff angewiesen. Dann beginnt wieder eine Saison für tausende von Kumpel, die unter mittelalterlichen Bedingungen ihr Leben in den Gruben riskieren. 

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