Die Sonnenstrahlen stehen tief über demflachen Land, verlassen langsam den Asphaltund klettern hinauf zu den Giebeln der Holzhäuser des Sunset Drive. Die Straße mit ihren langen Auffahrten zu den nach europäischen Maßstäben überbreiten Garagen, die jede Häuserfront zieren, liegt autoverlassen da. Makellos und neu wirkt der Asphalt, weder Bremsspuren noch Ausbesserungen unterbrechen die dunkelgraue Fläche. In den parallel angeordneten Vorgärten mit ihrem gleichmäßig kurz geschnittenen Grün wachsen vereinzelt junge Bäume. Ihr gefallenes Laub steht ordentlich, den Anweisungen der Village Hanover Park entsprechend, in braunen Papiersäcken verstaut auf dem eineinhalb Meter breiten Grünstreifen, zwischen dem aus Beton gegossenen Gehweg und der Bordsteinkante.

Das einzig Gute an Thanksgiving ist, dass es keine Überraschungen gibt, sagt sich Melanie Crane, während sie in ihrer modernen Einbauküche steht und Süsskartoffeln schält. Angefangen hatte alles an ihrem 34. Geburtstag vor drei Monaten. Sie erinnert sich noch gut an diesen Nachmittag im Spätherbst. Ihr Dad hatte gerade Michael, ihrem Mann, zum xten Mal bestätigt, wie schön ihr neues Haus sei und die Dimension des Wohnzimmers gelobt, als Ihre Mum auf die glorreiche Idee kam, dieses Jahr Thanksgiving hier zu feiern. So viel Platz, sagte sie, hätte sie in ihrem „ach so kleinen Apartment“ nicht, und eigentlich sei es hier ja auch viel schöner als bei ihr. „Und schöner als in Dads Haus sowieso“, fügte sie schnell noch an. „Außerdem wird es deinem Vater langsam zu viel Arbeit, du weißt, seit dem Herzinfarkt ist er nicht mehr derselbe“. „Ach was“, entgegnete Dad damals, „mir geht es prächtig!“ Sie schüttelt den Kopf, während sie an die damalige Szene zurückdenkt. Ihre Eltern sind seit über einem Jahrzehnt geschieden, und obwohl sie keine Gelegenheit für einen Streit auslassen, schmieden sie immer noch zusammen Intrigen, um ihre Kinder gegeneinander auszuspielen. Heute Nachmittag werden sie alle zusammen in Melanies Wohnzimmer sitzen. Ihre Mum wird wahrscheinlich schlecht gelaunt sein, weil sie seit Winteranfang Rückenschmerzen plagen. Ihr Vater wird es sich im Fernsehsessel bequem machen und das Footballspiel ansehen und jedes Mal wie ein alter Hund knurren, wenn man ihn dabei stört. Ihre älteste Schwester Barbara wird viel zu früh kommen, ihr ständig Tipps in der Küche geben und sie mindestens zweimal fragen, wie lange der Truthahn denn schon im Backofen sei. Wie üblich wird ihre Schwester Sue viel zu spät auftauchen, in den Händen einen Kürbiskuchen und einen zweiten, noch tiefgefrorenen Truthahn. Sie wird fragen, ob sie zu spät ist, gleichzeitig an ihr vorbei in die Küche laufen, um dort, nach einem flüchtigen Blick in den Ofen, ihren Truthahn in der Tiefkühltruhe zu verstauen. Die Kinder werden mit der Katze spielen und versuchen, auf der Dobermann-Hündin ihres Bruders zu reiten. Auf ihren Bruder Jack freut sie sich. Seit er in Detroit lebt, sieht man einander nur noch zu den Feiertagen. Um halb drei, so Gott will, wird sie dann kurz in das Ankleidezimmer gehen, sich eine frische Bluse anziehen, die Haare durchkämmen, durch die Tür nach unten spähen und ihrem Spiegelbild erklären, dass alles in bester Ordnung ist. Sie wird hinuntergehen und verkünden, dass man nun essen kann. Ihre Schwester Sue wird eines ihrer improvisierten Gebete sprechen, in denen sie Gott für alles Mögliche dankt und jeden Anwesenden mittels ihrer Fürbitten mit seinen Unzulänglichkeiten kompromittiert.

Ein blaues Banner mit der Aufschrift „Hanover Park“ und „United we Stand“, das einen Weißkopfadler vor der im Wind flatternden amerikanischen Fahne zeigt, hängt beidseitig an einem Laternenfahl über der Zufahrt zu der Neubausiedlung mit dem klangvollen Namen „Oakwood Home“. Eine silbergraue Limousine mit Stufenheck kommt in gemäßigtem Tempo heraufgefahren. Noch bevor sie die Auffahrt zu einem der Häuser erreicht, öffnet sich eines der breiten Garagentore und gibt den Blick auf das Interieur frei. An der linken Wand befinden sich halbleere Regale mit Farbeimern und Pinseln. Darunter stehen, von einer Plane abgedeckt, ein zweites Auto und davor ein Rasenmäher mit Verbrennungsmotor, auf dem kreuz und quer diverse Eimer, Schaufeln und Besen liegen. Der Wagen stoppt vor dem Tor, ein Mann im Anzug steigt aus dem Auto und verschwindet im Inneren der Garage, die sich kurz darauf wieder schließt.

Günther Heidrich kommt aus Hamburg. Mit 17 Jahren hat er 1963 auf einem Frachter nach Amerika angeheuert. Eigentlich wollte er die ganze Welt kennen lernen, aber in den USA hat es ihm so gut gefallen, dass er keinen Grund sah, weiter zu fahren. Ende der 60er Jahre hat Günther seine Frau kennen gelernt. Sie haben geheiratet, zwei Kinder bekommen, ein Haus gekauft, die Kinder großgezogen und sich scheiden lassen. Jetzt lebt er mit einer neuen Lebensgefährtin in einem kleinen schlichten Haus in der unmittelbaren Nähe des Bahnhofs von Hanover Park. „Von dem Geld, das ich im Stahlwerk verdiene, kann man keine großen Sprünge machen“, erzählt er, die Hand der Freundin haltend. „Aber in drei Monaten gehe ich in den Ruhestand, und dann bekomme ich fast 1500 Dollar Rente und fast noch mal genau so viel von der Gewerkschaft. Dann bin ich fein raus! Vielleicht gehe ich in den Süden, da ist es wärmer und das Leben besser. Ich nehme meine Süsse hier mit, kauf mir ein schönes Haus oder ein Apartment und dann werden wir das Leben genießen. Meine Kinder können dann schön nach mir suchen. Die tauchen hier eh nur auf, wenn sie Geld brauchen. Noch drei Monate, nicht wahr, Darling, dann haben wir es geschafft.“

Mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ist es außergewöhnlich mild für Mitte November. Eine zu einem Pfeil formierte Schar Graugänse überfliegt lautlos diese 38.000 Einwohner zählende Schlafstadt unweit Chicagos. Weit über ihnen zieht ein Jumbojet, dessen goldene Kondensstreifen einer kostspieligen Halskette gleich in der Sonne glänzen, seine Warteschleife beim Anflug auf den Flughafen Chicago O’Hare. Hanover Park ist ein Produkt des amerikanischen Traums. Wer hier ein Haus kauft, der sehnt sich nach Ruhe und Sicherheit und gehört in der Regel zu einer jungen, besserverdienenden Bevölkerungsschicht. Die im Durchschnitt zwischen 220.000 und 350.000 Dollar teuren Eigenheime werden in beliebten Wohnparks mit so klangvollen Namen wie Samara oder Oakwood Park gleich dutzendweise gebaut. Nicht selten werden dort künstliche Teiche und Seen angelegt, in denen sich Enten tummeln und so das Bild eines perfekten Eigenheimes im Grünen abrunden. Das Village Hanover Park entstand 1958 im Zuge der Ausdehnung der Stadt Chicago nach Westen. Innerhalb des ersten Jahrzehnts verzehnfachte sich die Einwohnerzahl und sie ist bis zum heutigen Tage stetig gewachsen. Nur noch ein verhältnismäßig kleiner Teil des auf Farmland gegründeten Village liegt in der Hanover Township, von der sie ihren Namen hat. Einen zentralen Stadtkern gibt es nicht und so erstrecken sich die in Wohnparks angelegte Einfamilienhäuser mittlerweile über vier Townships hinweg und verschmelzen zunehmend mit benachbarten Ortschaften wie Streamwood, Bartlett und Schaumburg. In den älteren Siedlungsparks findet man zunehmend heruntergekommene Häuser und auch der Leerstand in Hannover Square, einem lokalen Einkaufszentrum, zeugt davon, dass es nicht mehr mit den modernen Shopping Malls im Umland mithalten kann.

Irgendwo aus der Decke kommt Wasser. Man kann die Flecken ganz deutlich sehen. Vielleicht, sagt sich Sue, sollte sie das Haus einfach verkaufen und nach Europa gehen. Nach Irland, dem Land, aus dem die Vorfahren ihrer Mutter kamen. Ja, das wäre ein Abenteuer. Einfach abhauen. Gleich morgen ruft sie einen Makler an, der soll das Haus hier mal schätzen. Sue Lloyd schleppt den Staubsauger in die erste Etage und reinigt das ehemalige Zimmer ihrer Tochter. Seitdem ihre Jüngste mit dem Baby zu ihrem Freund gezogen ist, hat das Zimmer leer gestanden. Nicht ganz leer, denn ihre Tochter hatte jede Menge Kleinkram und Klamotten herumliegen lassen. Viel Zeit hat Sue in den letzten Monaten in dem Zimmer verbracht und oft daran gedacht, wie es war, als das Haus noch voller Leben war. Nicht selten ist sie auf dem Himmelbett der Tochter eingeschlafen und hat so manche Nacht hier verbracht. Doch nun, wo nur noch das Bett hier steht, hat der Raum an Charme eingebüsst. Sie rennt hinunter in die Garage. Dort müssen noch irgendwo ein paar Bilder herumstehen, die ihrem Mann Jack nie gefallen haben. Sie wühlt in Kisten, die sie eigentlich schon längst wegschmeißen wollte, und rennt mit zwei Bildern die Treppe wieder hoch. „Ich sollte das Haus wirklich verkaufen und nach Europa gehen“, wiederholt sie. Mit einem Staubtuch wischt sie die Rahmen ab und hängt ein Bild mit roten Rosen so über das Bett, dass es den weißen Fleck, den das vorherige Bild hinterlassen hatte, überdeckt. Für das zweite findet sie keinen passenden Nagel und stellt es auf eine weiße Kommode. „Schon besser!“ Der neue Mieter kann sie ja wieder abhängen, wenn sie ihm nicht gefallen. Wo Hank nur bleibt? Hank, ihr Freund aus der Kirchengemeinde, wollte sich den Fleck in der Küche doch mal genauer ansehen! Sie nimmt den Staubsauger, der immer noch läuft, wieder in die Hand und rückt dem Staub unter dem Bett zu Leibe. Als jemand sie an der Schulter berührt, fährt sie erschrocken herum. Hinter ihr steht ein großer, gut aussehender Mann Anfang 40. „Hi Sue!“ „Hank. Sorry, ich habe dich nicht gehört. Wegen dem Staubsauger. Willst du einen Kaffee? Ich hab einen mit Amaretto oder einen mit Walnut Flavor.“

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